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8/1/2010 : 2:25 am : +0200

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Sportlich und wirtschaftlich eine Erfolgsgeschichte

Olympische Spiele 1984 in Los Angeles: Der Tauberbischofsheimer Gerhard Heer war als Fechter dabei, trug aber auch neben dem Degen immer seine Kamera mit sich. Hier hat er seinen Mannschaftskameraden Alexander Pusch (rechts) im Finalkampf gegen den Franzosen Riboud auf Celluloid gebannt.

8.06.2007 Wilfried Jankowski: Die triumphalen Erfolge des Olympiajahres 1988 waren für Emil Beck, die Trainer und Betreuer, für alle Fechterinnen und Fechter eine gewaltige Motivation, großer Ansporn, Gleiches zu wiederholen, andererseits aber auch Verpflichtung und damit Bürde, denn wer gewohnt ist, nur noch von Weltmeistern und Olympiasiegern zu sprechen, ihnen vielleicht „auf du und du“ häufig in der Stadt zu begegnen, der vergisst sehr schnell, was für eine großartige Leistung es schon ist, sich überhaupt für Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele zu qualifizieren. Das findet allgemein wenig Beachtung, es zählt nur noch der Sieg, und bei dieser Betrachtungsweise der Dinge kommt es dann schon vor, dass erfolgsverwöhnte Zuschauer mit den Worten „nur Silber“ urteilen, wenn ein Sportler mit einem hervorragenden zweiten Platz von großen internationalen Wettkämpfen heimkehrt.

In der Medaillenschmiede an der Tauber waren sich alle bewusst, welche Erwartungen an sie gestellt wurden. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren konnte es also nicht geben. Es galt auch hier die Regel: Nach dem Gefecht ist vor dem Gefecht. Tag für Tag wurde hart gearbeitet, um regelgerecht dabei zu sein. Bei den folgenden Fecht-Weltmeisterschaften 1989 in Denver verzeichneten die Tauberbischofsheimer Athletinnen und Athleten wieder herausragende Erfolge, und zwar im Damenflorett durch Anja Fichtel: Silber im Einzel, Mannschafts-Gold zusammen mit Sabine Bau, Zita Funkenhauser (zudem Bronze im Einzel), Annette Dobmeier und Susanne Lang, im Herrendegen Silbermedaille mit der Mannschaft (Elmar Borrmann, Thomas Gerull, Robert Felisiak, Stefan Hörger), Mannschafts-Silber im Herrenflorett mit Mathias Gey, Thorsten Weidner, Thomas Endres und Roman Christen,  Mannschafts-Silber im Herrensäbel mit Ulrich Eifler im deutschen Team, Damendegen: Silber im Einzel durch Ute Schaeper.

Erfolgreicher Sport und seine Begleitumstände


Eine Aufnahme, die nicht so leicht zu bekommen ist: Das deutsche Herrendegen-Team bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles ganz entspannt im olympischen Dorf. Mit Selbstauslöser schaffte es der Fotograf, selbst auf dem Bild zu sein. Die Goldmedaillengewinner (von links) Rafael Nickel, Elmar Borrmann, Gerhard Heer, Trainer Berndt Peltzer, Alexander Pusch und Volker Fischer. Foto: Gerhard Heer

Inzwischen war Helmut Schmidt als Nachfolger von Anton Hofmann zum Präsidenten des Fecht-Clubs Tauberbischofsheim gewählt worden. Das „Unternehmen Fechtsport“ hielt sich in ständiger Bewegung, der Blick richtete sich immer nach vorn, auf das Morgen. Die Begleitumstände hatten sich in ganz erheblichem Maße verändert, das Geschehen stand ständig unter Beobachtung und Anteilnahme der Öffentlichkeit. Diese ausstrahlende Wirkung hat Richard Möll vor 20 Jahren treffend unter dem Titel „Das Zentrum gleicht einem Ameisenhaufen“ in seinem Buch „Die Fecht-Legende von Tauberbischofsheim“ beschrieben:

„Wer könnte bei den spektakulären Erfolgen und Auszeichnungen dem verführerischen Reiz widerstehen, der weltbekannten Fechterhochburg seine persönliche Referenz zu erweisen? Und wer würde nicht den Wunsch auf diesen Weg mitnehmen, einen Alexander Pusch, Harald Hein, Matthias Behr oder Thorsten Weidner, eine Sabine Bischoff, Zita Funkenhauser, Sabine Bau oder Anja Fichtel in voller Aktion zu erleben, ein Autogramm von ihnen zu erhaschen? Oder darf man gar einen Gedanken an die Chance verschwenden, bei dieser Gelegenheit dem Vater des Erfolgsgeheimnisses, dem Medaillenschmied Emil Beck, persönlich zu begegnen?“

Zwischen das eigentliche Geschehen, so Richard Möll weiter, „drängen sich immer wieder Besuchergruppen, etwa 600 werden monatlich im Zentrum umgewälzt. Sie bestaunen die vielen Bilder prominenter Politiker, vom Bundeskanzler über Minister bis zu Staatssekretären, die die Wände der Räume und Gänge zieren“. Durch den erfolgreichen Fechtsport in Tauberbischofsheim und seine Anziehungskraft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor entstanden, der positive Auswirkungen weit über das Taubertal hinaus registrieren kann. „Der Olympiastützpunkt ist Kommunikationsmittelpunkt für die Region und darüber hinaus Sportzentrum mit hohem Ansehen,“ betont die „Sportmarketing Tauberbischofsheim GmbH, SMT“ in einer aktuellen Bilanz, in der auch die wichtigsten Zahlen der vielfältigen Aktivitäten in den letzten Monaten ihren Niederschlag finden.

Bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region

Dieser Treffpunkt der Weltelite des Fechtens und vieler Repräsentanten aus  Politik, Sport und Wirtschaft biete als Unternehmen 60 Arbeitsplätze, das Haushaltsvolumen aller Einrichtungen von Olympiastützpunkt, Fecht-Club, SMT und den Säulen „Stiftung Fechtsport“ und „Gesellschaft zur Förderung des Fecht-Clubs“ belaufe sich jährlich auf  3,5 Millionen Euro und stelle somit einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor mit eigenem Küchenbetrieb, Internat und dem Haus Berghof dar.

“Unsere Gäste bei den Turnieren geben wichtige Impulse in der Region zum Einzelhandel und für Fachgeschäfte, indem viele Nationen hier einkaufen und die Gastronomie besuchen,“ betont SMT-Geschäftsführer Karl-Friedrich Schönleber in diesem Zusammenhang, „wichtig auch für die heimische Wirtschaft ist der hohe Bekanntheitsgrad der Stadt Tauberbischofsheim, geprägt durch das Fechten.
Die Attribute sind: Leistungsfähigkeit, Motivation und Engagement.“

Nach diesen Angaben sind in den vergangenen Monaten drei Deutsche Meisterschaften und drei Weltcup-Turniere ausgerichtet worden, hinzu kommen 25 Veranstaltungen für alle Altersgruppen und Leistungsbereiche im Bereich Schüler, Jugend, Junioren und Aktive. Allein die Besuchergruppen, Lehrgänge, Seminare, Veranstaltungen, auch für externe Organisatoren, Betriebsfeste oder Konzerte zählen etwa 10 000 Besucher. Die Aufenthalte anderer Fechtnationen, von Radlern, die Gäste von Messen und Produktshows erzielen die gleiche Resonanz. „Insgesamt können wir jährlich von etwa 50 000 Besuchern ausgehen, wir vermitteln durch diese Veranstaltungen rund 3 000 Übernachtungen an die Gastronomiebetriebe in der Region,“ vermerkt die SMT weiter.

Eine Schatzkammer der Erinnerungen


Bestand haben die großen Ereignisse dieser erfolgreichen Fechtwelt in der persönlichen Erinnerung, die im Laufe der Jahre schwächer und schwächer wird, vor allem aber in der bildhaften Dokumentation des Geschehens. Gerhard Heer, selbst hochdekorierter Degenspezialist, vor allem aber Fotograf, verfügt mit seinem Fotoarchiv über eine wahre Schatzkammer dieser Erinnerungen. Für diesen Beitrag hat er einige ganz spezielle Motive ausgewählt. Er wurde 1984 mit der Mannschaft in Los Angeles Olympiasieger, ein Jahr früher erreichte er schon, ebenfalls mit dem deutschen Team, die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften in Wien. Zudem war er an vier von sechs Siegen beim Europa-Cup der Landesmeister beteiligt. Dass er sich schon nach Los Angeles aus dem aktiven Sport zurückziehen musste, hat eine plausible Erklärung: „Ich war Fotograf und musste damit mein Geld verdienen. Und weil die meisten Menschen samstags heiraten und von diesem Ereignis Bilder haben wollen, konnte ich nur schlecht sagen: ‚Da kann ich nicht, ich muss bei einem Weltcup-Turnier fechten.’ Immerhin konnte ich in meiner aktiven Zeit Trainings-Sondereinheiten in Anspruch nehmen, die schon früh um sieben Uhr begannen. So kam ich dann immer noch pünktlich ins Geschäft.“

Immer Zeichen der Zeit erkennen

Für den Fecht-Club Tauberbischofsheim war es eine unerlässliche Notwendigkeit, immer aktuell die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich zukunftorientiert zu verhalten, um der weltweit ständig wachsenden Konkurrenz Paroli bieten zu können. Ein Beispiel dafür ist die 1988 gegründete Fechtmarketing-Gesellschaft, die heutige SMT. Ein Jahr später wurde Emil Beck zum Ehrenbürger der Stadt Tauberbischofsheim ernannt, 1990 erweitert der Verein sein Angebot für weitere zwölf Hobbygruppen, 1991 wird Dr. Thomas Bach ins Internationale Olympische Komitee (IOC) gewählt, ein Jahr danach tritt die Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics in Barcelona, Esther-Weber Kranz, dem FC TBB bei, das Rollstuhlfechten wird seitdem als integrative Abteilung des Vereins geführt, 1993 kann die Fertigstellung des siebten Bauabschnittes gefeiert werden, bei einem „Tag der offenen Tür“ werden neue Funktionsräume, ein großer Gruppenbewegungsraum, eine Arztpraxis für Orthopädie und Sportmedizin, ein physiotherapeutisches Zentrum mit Massage und Krankengymnastik sowie moderner Haustechnik und Lagerraum der Öffentlichkeit vorgestellt. Die unendliche Geschichte des Fecht-Clubs Tauberbischofsheim hatte somit wieder wichtige Schritte nach vorn gemacht, die nächsten sollte aber schon in aller Kürze folgen.